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| Mut (nachgedacht) Wie viel schneller ist doch ein Buchstabe getippt, als geschrieben. Heute schreibe ich die Buchstaben und Sätze und morgen werde ich sie abtippen. Doch immer, wenn ich tippe oder schreibe, bewegt mich innerlich etwas. Das Schreiben ist dann eine Möglichkeit, einen Gedanken zum Abschluss zu bringen, indem ich ihn festhalte und gleichzeitig loslasse. In meinem Kopf wird Platz für einen neuen Gedanken. Ein Thema, was mich seit gut einer Woche verstärkt nachdenken lässt ist „Mut“. Heute war kein guter Tag. Es passierte mir, dass ich eine nicht gewollte Diskussion heraufbeschwor. Ich hatte meine Gefühle nicht sehr gut im Griff, war geneigt, mich als Person verteidigen zu müssen. Nun sagte mir jemand heute, dass er drei Dinge im Leben nie hatte: Zeit, Langeweile und Einsamkeit. Die Aussage verstand ich so, als ob ich unter genau diesen drei Merkmalen „leiden“ würde. Da die optimale Kommunikation – das beiderseitige Verstehen und Akzeptieren – nicht immer hinhaut, fühlte ich mich verurteilt, da ich viel nachdenke (somit Zeit, Langeweile und Einsamkeit meine täglichen Begleiter sind???). Denn dieses „Denken“ sei ein Zeichen dieser drei Merkmale. Darüber war ich sauer. Ich brachte den Mut auf, mich und meinesgleichen zu verteidigen. Doch damit begann die Diskussion – die ich nicht wollte. Immer wieder stelle ich fest, dass es ein wirkliches gegenseitiges „Kennen“ nicht gibt, am wenigsten unter den Menschen, die meinen sich und andere gut zu „kennen“. Mir läuft die Zeit ebenfalls davon und ich hätte gern mehr davon. Dadurch habe ich keine Langeweile, da ich auch Dinge tun muss – beruflich und privat (außer „denken“, „denken“ tue ich nebenbei und ständig) und Einsamkeit empfinde ich nur, wenn ich merke, dass mir meine Freunde aktuell fehlen – ein gutes Gespräch von Zeit zu Zeit, lachen oder einfach nur einmal zusammensein. Ich habe immer geglaubt, dass ich irgendwie mutig bin. Denn würde mir dieser Mut fehlen, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Die Kritiker mögen jetzt fragen: „Na, wo bist Du denn?!“ Meine Antwort wäre: „Hier!“ Für einige meiner Schritte war Mut die wichtigste Voraussetzung: die ganzen (Lebens-)Schulen, die ich durchlief, hätte ich ohne Mut nie geschafft. Sich für die Familie zu entscheiden, ging auch nicht ohne Mut. Manchmal scheint man sich falsch zu entscheiden. Dann erfordert es Mut, dies zu akzeptieren und trotzdem noch das Beste aus der Situation herauszuholen. Und das geht nur, wenn man nicht an der Verzweiflung erstickt, sondern weitermacht und das erfordert Mut. Trotz aller Negativmeldungen in den Medien: „gut“ zu leben erfordert Mut (wobei ich dabei in erster Linie nicht an Geld denke, sondern allgemein an Lebensqualität). In der eigenen Trauer lachende Menschen zu ertragen erfordert Mut, ebenso wie die traurigen Momente auszuhalten und durchzustehen. Enttäuschungen zu erleben und trotzdem weitermachen und weiterhoffen erfordert Mut. Jeder kennt solche Situationen, jeder brachte und bringt den erforderlichen Mut tagtäglich auf! Seien wir stolz darauf, dass wir das schaffen – immer und immer wieder. Im letzten Jahr stellte ich fest, dass mir persönlich gerade Selbständige den meisten Mut zusprachen, mir den Rücken stärkten, mich mahnten nicht auszugeben, sondern den schwierigen Start durchzuhalten. Sie haben mir eine wichtige Erfahrung weitergegeben – mutig bleiben! Die Zweifler, Kritiker und Miesmacher kamen vor allem aus den Reihen, auf die ich vorher zählte und hoffte. Nun merke ich, dass denen der Mut fehlt, etwas zu wagen. Zum Ausgleich versuchen sie ständig, an mir zu feilen und mich nach ihren Vorstellungen zu formen. Doch wem nützt das letztendlich? Warum versuchen sie, meinen Mut zu zerstören? Bin ich besser lenkbar, wenn ich schwach und hilflos erscheine? Oder wollen sie nur ihre eigenen Schwächen verbergen, indem sie mir „Fehler“ vorwerfen? Nachdenken kann man über solche Fragen (und das tue ich oft), doch finde ich es am Besten, den eigenen Weg zu gehen – trotz aller Widerstände. Auf jeden Fall braucht man Mut, wenn man sein Leben ändern will, etwas Neues beginnt. Mut ist nötig, wenn man vor eine (berufliche) Wahl gestellt wird. Oft ist zuerst die Verzweiflung da, doch dann kommt das Denken (jedenfalls bei mir). Wenn man Glück hat, hat man eine Familie, die jede Entscheidung mitträgt, einen stärkt und noch mehr Glück hat man, wenn auch Freunde zu diesen Mut-machenden Menschen zählen. Doch ohne Mut hat man keine Chance auf Veränderung, auch wenn jede andere Voraussetzung (zum Beispiel finanzielle Sicherheit) gegeben ist. Mut gehört dazu, wenn man sich für die Veränderung entscheidet, so zuversichtlich wird, dass man erhobenen Hauptes sein altes Leben verlässt, ohne Verzweiflung und mit viel Hoffnung im Herzen. Und dann wird Mut wichtig, wenn es nicht so läuft, wie erhofft, wenn Vereinbarungen getroffen werden und sich die andere Seite entscheidet, diese nicht einzuhalten, ohne Bescheid zu geben. Mut ist dann wichtig, um durchzuhalten, um die Hoffnung nicht zu verlieren, dass alles Lernen, Arbeiten und Vorbereitungen nicht umsonst waren. Um im Kontakt zur Außenwelt zu bleiben, entschied ich mich, ehrenamtlich zu arbeiten. Selbst dieser Schritt erfordert Mut, da sich wieder die ewigen Zweifler, Kritiker und Miesmacher zu Wort meldeten: „Wie kannst Du nur für umsonst arbeiten?!“ Ich denke, das ist nicht „umsonst“. Diese Zeit nehme ich mir erstens für Menschen, die gerade einmal jemand brauchen und zweitens natürlich auch für mich, um mir selbst meinen „Nutzen“ zu beweisen. Ich denke immer an einen Spruch von Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ Das ist Mut – nicht aufgeben, glauben, hoffen. Als ich zweifelte, fuhr ich regelmäßig an einem parkenden Auto vorbei mit dem Kennzeichen: M-UT... War das Zufall oder ein Zeichen? Vielleicht denke ich zuviel. Nur ohne dieses Denken wäre ich nicht ich und endlich habe ich den Mut, mich dazu zu bekennen. Seine eigene Art zu akzeptieren erfordert manchmal den größten Mut. Karina Pudenz Erwartungen (nachgedacht) erschienen am 22.10.2008 im "Fahner Höhe Kurier" Erwartungen und Enttäuschungen liegen nah beieinander. Sobald eine Erwartung nicht erfüllt wird oder erfüllt werden kann, wird der Erwartungshalter enttäuscht sein. Da spielt es keine Rolle, ob dies ein Elternteil ist, oder ein Lehrer oder ein Kind. Nicht erfüllte Erwartungen in andere Menschen führen zu Enttäuschungen. Im Internet fand ich eine Vielzahl von Definitionen der „Erwartung“. Ich habe lange über den Begriff nachgedacht und mich entschieden, diese Definitionen nicht zu benutzen, sondern meine Gedanken zu diesem Begriff einfach niederzuschreiben. Zu dem Begriff habe ich eigene Vorstellungen entwickelt und natürlich auch eigene Erfahrungen damit gesammelt. Auf die Idee hierzu etwas zu schreiben kam ich auf meinen täglichen Wegen in meine Praxis. Vielleicht ist es Ihnen ja auch aufgefallen, dass sich an fast jeder Stelle, vor allem im Straßengraben viel Müll angesammelt hat. Ich entwickelte eine Erwartungshaltung in der Form, jemand müsse den Müll doch wegräumen. Nun gehe ich fast ein Jahr diesen Weg und niemand kümmerte sich um die Beseitigung des Mülls... Ich übrigens auch nicht. Geht es Ihnen auch so? Sie hegen Erwartungen an andere, manchmal wissen Sie gar nicht, an wen die Erwartungen eigentlich gerichtet sind, weil Sie vielleicht auch nicht wissen, wer zuständig ist. In diesem Zusammenhang stellte ich mir die Frage: Was erwarten wir von den „anderen“? Was erwarten die „anderen“ dagegen von uns? Schaffen wir es eigentlich, unsere Erwartungen auch in Worten auszudrücken und an die richtigen Personen zu richten? Im günstigsten Fall noch mit Anleitungen (was zu erledigen ist und wie die „anderen“ es bewerkstelligen können), mit Hilfsangeboten (ich denke da an das Aufräumen des Kinderzimmers, was immer dann ganz schnell geschieht, wenn wir unsere Hilfe anbieten), und Unterstützung (die Tochter oder der Sohn sollen ihre Entwicklungschancen wahrnehmen, dazu wäre es notwendig, ihnen den Weg frei zu halten, ihnen emotionalen Halt zu geben)??? Was erwarten wir eigentlich von uns selbst? Mal ganz ehrlich, unter- oder überfordern wir uns mit diesen Erwartungen? Geben wir uns selbst das Beste und tun das Beste für uns oder erwarten wir, dass es uns „andere“ geben oder tun? Geben wir evtl. als Ausgleich dann das Beste für die „anderen“? Für gute Noten in der Schule mussten wir doch auch selbst aktiv werden. Kein Lehrer gab uns aus reiner Nächstenliebe eine Eins. Im Falle, dass wir unsere Erwartungen nicht erfüllen können, suchen wir dann nach Hilfe und nehmen wir gebotene Hilfe auch an? Noch ein Gedanke zu den verschmutzten Straßengräben: unsere Kinder entwickeln sich, erleben jeden Tag die Einflüsse ihrer Umwelt, sehen mit offenen Augen und oft genug handeln sie wie wir es tun. Sie „lernen am Modell“. Die Erwachsenen sind ihre Vorbilder und die Erwachsenen verschmutzen die Umwelt. Natürlich nicht Sie und nicht ich! Das war ja auch nur so ein Gedanke. Vielleicht schreibe ich ja irgendwann einmal an eine gewisse Fastfood-Kette mit einem Appell an ihr Umweltbewusstsein – „Nehmt die Tüten mit. Haltet die Umwelt sauber.“, oder so etwas in der Art. Sie schaffen es ja auch, ihre Waren als „gesund“ zu verpacken. Bezüglich der Zerstörungswut gerade junger Menschen: gibt es wirklich keinerlei Möglichkeiten, die auch noch bezahlbar sind, diesen jungen Menschen, die ja unsere Zukunft sind, zum Ausagieren ihrer Kraft und Energie zu verhelfen? Dazu noch selbstbestimmt und ernstgenommen? Ich weiß, ich träume wieder einmal! Ich war ja auch einmal jung und erinnere mich noch zu gut an die Erwartungen der Erwachsenen an mich, nur durfte ich mich oft genug zu den meisten Themen nicht äußern, da mir ja die Lebenserfahrungen fehlten. Ein gewisses Maß an Wut kroch dann sogar in mir hoch. Was ich dann mit diesem Frust getan habe, kann ich heute nicht mehr sagen. Und noch so ein Gedanke von mir: dieses kleine Wörtchen „danke“ etwas öfters als gewohnt, ernstgemeinte Entschuldigungen bei Notwendigkeit und ein ernsthafter Versuch des Neubeginns bei wirklich schlimmen Auseinandersetzungen sind doch sicher gute Werkzeuge für ein gelungenes Miteinander. Wir Menschen sind nun mal Gesellschaftswesen und gerade diese drei Erwartungen sollte jeder in sich selbst hegen und pflegen. Das kleine Wörtchen „bitte“ mit einem ehrlichen Lächeln im Gesicht gehört vielleicht auch noch dazu. Na ja, mir gelingt auch nicht immer alles. Dann bin ich mit meinen Erwartungen überfordert. Schüchtern, ängstlich, gehemmt, depressiv veranlagt, introvertiert? erschienen im Juni 2008 im "Fahner Höhe Kurier" Während der Mittagspause hatten sich einige der Seminarteilnehmer zu einem Restaurantbesuch verabredet. Im Hintergrund des Restaurants lief Technomusik. Eine Teilnehmerin fragte in die Runde, ob dies die anderen auch stört. Doch sie verneinten oder gaben zu, die Musik erst jetzt zu bemerken. Jemand sagte: „Du bist wohl auch so eine Sensible. Schau mal ins Internet, da gibt es einen Test bezüglich hochsensibler Personen.“ Die Teilnehmerin schaute ins Internet, fand den Test, bei dem sich herausstellen sollte, dass sie sich wirklich zu den hochsensiblen Personen zählen kann, kaufte sich ein erstes Buch zu dem Thema und „verschlang“ dieses Buch, fühlte sich das erste Mal „richtig“ und verstanden. Das Innenleben des Buches strotzt seitdem nur so von blauen Zeichen, die so etwas bedeuten wie „ja genau!“ und „so ist es auch bei mir!“, „woher wissen die das nur?!“ – plötzlich war sie sich bewusst, dass sie zwar „anders“ ist, aber nicht unnormal, sondern dass ihre Art zu sein einen Sinn hat, da die Natur sie und ca. 20 % aller Menschen so geschaffen hat – hochsensible Menschen. Sie sollen ebenso wie alle anderen ihren Platz in der Gesellschaft haben – die vorsichtigen, denkenden, beratenden, zusprechenden, kritischen Menschen mit ihren feinen Wahrnehmungen und Intuitionen, ihrem „Bauchgefühl“. Männer und Frauen sind gleichermaßen „betroffen“, obwohl die Männer das zu verbergen suchen und die Frauen mit „hoher Sensibilität“ eher in der Gesellschaft akzeptiert werden. Hochsensibilität mag eine Laune der Natur sein. Hochsensible Menschen sind nicht „krank“, sie besitzen nur ein feineres Nervenkleid, nehmen mehr Reize auf, nehmen mehr Details wahr und scheinen dadurch oft überfordert oder auch überstimuliert zu sein. Für hochsensible Menschen wie unsere Seminarteilnehmerin ist es mit Sicherheit schlimm, seit der Kindheit immer wieder hören zu müssen: „Du musst dich ändern!“. Denn wie soll sie ihre feinen Wahrnehmungen abstellen, wie ihr Nervenkleid vergröbern? Diese häufigste Aufforderung zum „Ändern“ bewirkte und bewirkt in ihnen wahrscheinlich nur Schuldgefühle und auch Minderwertigkeitsgefühle, wenn sie sich über ihre eigene „Normalität“ nicht im Klaren sind. Unsere Seminarteilnehmerin versteht erst jetzt sich selbst und ihre Handlungsweisen der vergangenen Jahre nach der Lektüre eines solchen hilfreichen Buches, das ihr eher zufällig in die Hände geriet. Selbstbewusstsein und auch Selbstvertrauen waren laut ihren Schulzeugnissen kaum vorhanden. Dies scheint aber eine falsche Aussage zu sein, denn eine hochsensible Person ist sich seiner selbst durchaus bewusst und kennt in der Regel auch ihre Schwächen und Stärken. Dagegen besteht oft ein negatives Selbstwertgefühl und mit dem Vertrauen in die eigene Person ist es denn auch nicht gut bestellt. Hochsensible Personen finden sich trotz vorwiegend überdurchschnittlicher schulischer Leistungen und überdurchschnittlicher Intelligenz selten in Managerpositionen, selten in Leitungspositionen oder selten in den wirklich gut bezahlten Branchen; sie fühlen sich dadurch oft als Versager, weil in unserer Gesellschaft Leistung mit Geld gemessen wird. Und ein hochsensibler Mensch kann oft mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, dass er für eine für ihn selbstverständlich gelieferte Leistung auch Geld einfordern kann. Er handelt in den seltensten Fällen rein gewinnorientiert. Jüngerer amerikanischer Studien zufolge sind ca. 15-20 % aller Menschen in jeder Gesellschaft und jeder Schicht hochsensibel. Man kann sie schon sehr früh erkennen, wenn sie zum Beispiel als Baby viel (anscheinend unbegründet) schreien trotz bester Fürsorge, im Kindergarten und in der Schule, wenn sie sich zurückziehen, still auf ihren Plätzen sitzen, immer abwesend oder träumend zu sein scheinen. Zu Mannschaftsspielen im Sport werden sie zumeist als Letzte gewählt oder die anderen Kinder streiten sich darüber, wer nun in den sauren Apfel beißen muss und dieses Kind in seine Mannschaft aufnehmen muss. Hochsensible Menschen bleiben an bestimmten sie bewegende Themen über einen längeren Zeitraum als „normal“ haften. Von außen betrachtet sind sie Einzelgänger, doch fällt anderen aufmerksamen Menschen auf, dass sich immer einige Menschen um diese „Einzelgänger“ scharen. So kennen hochsensible Menschen den Begriff „Einsamkeit“ praktisch nicht, wenn sie die Einsamkeit nicht bewusst suchen. Ihre Freunde empfinden sie als wertvoll und ebenso werden sie von ihren Freunden immer wieder gern aufgesucht. Beide Seiten empfinden sich als Bereicherung, als Gegenpol - als Ruhepol oder als jemanden, der den anderen mitzieht. Spontan ist eine hochsensible Person eher nicht, sie schaut manchmal sehnsüchtig und wehleidig auf „nette, spontane oder witzige“ Mitmenschen. Aufgrund eines sehr gründlichen Nachdenkens und Abwägens braucht sie meistens sehr lange für Entscheidungen. Durch die gute Wahrnehmungsfähigkeit der Feinheiten besitzt eine hochsensible Person ein ausgeprägtes Gefühl für die kleinen Dinge in der Welt und der Natur – sie liebt die Natur, hört die Vögel singen und kann sie wahrlich genießen. Dagegen ist ihr ein mit Menschen gut gefüllter Raum, zum Beispiel auf einer Party mit einem hohen Lautpegel, mit dem Durcheinanderreden, mit zu vielen Eindrücken auf einmal ein Kraus. Denn jeder einzelne Eindruck will von ihrem Nervensystem verarbeitet werden. So wird in ihr in solch einer Situation unbewusst der Wunsch nach Rückzug, nach Ruhe laut und lauter. Alle anderen „normalen“ Menschen im Raum sehen sie entweder gar nicht oder als „Mauerblümchen“ in einer Ecke hockend. Doch fast jede existente Beziehung zwischen den Personen im Raum, Stimmungen und Stimmungsschwankungen, Gerüche und andere Einzelheiten werden von ihr wahrgenommen, nur nicht bemerkt wird von ihr die neue Frisur der Gastgeberin. In solchen reizüberfluteten Situationen fühlt sie sich oft ausgeliefert und hilflos und baut unbewusst um sich eine Schutzmauer. Ist eine bestimmte Grenze des Aushaltbaren erreicht ist sie schneller verletzbar oder reagiert gereizt. Beruflich finden sich vermehrt hochsensible Menschen als Künstler, Forscher, Lehrer, Therapeuten, Berater, in helfenden Berufen. Aufgrund eines gut ausgeprägten Gerechtigkeitssinns aber eben auch leichter Reizbarkeit und Verletzlichkeit ecken sie in ihrem Leben oftmals an, sind unter Mobbingopfern gehäuft zu finden. Sie sind von Natur aus friedfertig und gehen kaum eine Konfrontation ohne Grund ein. Eher neigen sie dazu, Konflikte zu vermeiden, was aber leider oft zur Verstärkung von Konflikten führt. Hochsensiblen Personen fällt es auch schwer, einfach „abzuschalten“. Den berühmten „Schalter im Kopf“ können sie zum Feierabend nicht oder nur sehr schwer umlegen. Gleichzeitig Radio hören und lesen, Musik hören und unterhalten, Auto in der Stadt fahren und dazu vielleicht noch auf unbekannten Strecken können sie nur sehr schwer, sie können sich nur auf maximal eine Sache wirklich konzentrieren und dabei darf nichts anderes stören. Zu hochsensiblen Menschen finden Tiere leicht Zugang und umgekehrt. Nach dem Tod von einem Tier scheint der hochsensible Mensch lange „depressiv“ zu sein. Er denkt viel nach über für andere nicht so wichtige Dinge wie die Beziehung zu dem Tier oder die Empfindung des Tieres. Ein hochsensibler Mensch wirkt ängstlich, ist es aber nicht mehr als andere, er setzt sich nur intensiver mit dem Thema Angst auseinander und „erwähnt“ die Angst vielleicht häufiger bzw. redet darüber. Trotzdem schafft er es erstaunlicherweise in angespannten, ungewöhnlichen Situationen Ruhe zu bewahren, wo normale Menschen schneller „zusammenbrechen“, zum Beispiel bei einem Unfall. Der „Zusammenbruch“ bei ihm folgt dann später, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist. Immer wieder taucht eine innere Frage auf: „Habe ich jetzt richtig gehandelt?“. Dadurch kann er schnell einmal der Grübelei verfallen. Die hochsensible Person bevorzugt Filme, die zu Tränen rühren, beim Hören von Musik kann sie die Feinheiten erkennen, wenn diese nicht zu laut ist. Zu hektische Filme und schlechte oder Filme mit nervöser Kameraführung werden gemieden. Hochsensible Personen haben mit dem Vorurteil gehemmt zu sein zu kämpfen, dabei verlieben sie sich doch schnell bis über beide Ohren. Oft erhalten sie jedoch aufgrund ihres Rückzugverhaltens negative Rückmeldungen oder gar keine, die auch als negativ aufgefasst wird. Somit ist ihr Verhalten anderen gegenüber von Vorsicht gekennzeichnet. Falls sie das Glück haben, den „richtigen“ Partner zu finden, sind sie meistens lebenslang treu. Hauptmerkmale und Gefühle hochsensibler Menschen sind ihre Schuldgefühle und ihr Mitfühlen, ihr Mitgefühl, für andere da sein, somit besteht auch die Gefahr der „Aufopferung“, aber auch „zuhören“ können. Oft passiert es, dass andere Menschen hochsensible Personen entdecken oder „erspüren“ und diese für sich einnehmen. Unsere Seminarteilnehmerin, zum Beispiel, hat das oft erlebt, meist während des Fahrens mit dem Zug. Also das ständige „allein sein“, „einsam sein“, wie es von der Allgemeinheit von einer hochsensiblen Person erwartet wird, ist selten für sie, es sei denn, sie zieht sich bewusst zurück. Das „Alleinsein“ kann sie sogar genießen, weil es immer und überall genug Eindrücke gibt. Bei Überstimulationen ist die hochsensible Person leicht reizbar, schnell erregbar, leicht verletzbar und schnell nah bei den Tränen. Körperliche Symptome treten auf wie Schwitzen, Zittern, Erröten; Versprecher oder Stottern oder sie wird „tollpatschig“, sie kann auch in einer ungewohnten, schwierigen Situation total versagen (unangekündigte Leistungskontrolle in der Schule und sie meint, über das Thema nicht genug zu wissen, sich nicht gut vorbereitet zu haben). Ein zu starker Druck und Belastung (Arbeitsplatzsituation) wirkt eher destruktiv; ein mäßiger Druck und Belastung über eine kurze Dauer (Prüfung oder kurzfristig angesagter Besuch) eher konstruktiv. Hochsensible Personen haben intensive Träume und farbige Träume. Sie träumen gern. Sie schwelgen gern in Phantasie. Von außen betrachtet erscheinen sie dann „unnahbar“, abgehoben, vielleicht sogar arrogant, manchmal sogar dumm – obwohl sie eigentlich nur träumen oder Eindrücke intensiv verarbeiten. Der Mensch geht meistens von sich aus, das ist bei hochsensiblen Personen nicht anders. Unsere Seminarteilnehmerin konnte oft nicht nachvollziehen, warum die anderen Menschen die Dinge nicht genauso betrachteten und sahen wie sie selbst. Dadurch fühlte sie sich sehr oft unverstanden, weil andere wohl annahmen, sie wäre wie alle anderen und würde nur „blöde“ reagieren - also ängstlich, gehemmt, schüchtern, introvertiert, depressiv veranlagt... Doch letztlich ist die Verarbeitung der Eindrücke, überhaupt erst die Aufnahme von Eindrücken bei ihr weit intensiver und verlangt weit mehr innere Arbeit, mehr nachdenken, mehr nachempfinden, mehr abwägen sowie dadurch bedingt mehr zurückziehen, so dass die Begriffe „ängstlich“, „gehemmt“, „schüchtern“, „introvertiert“, „depressiv veranlagt“... nichts anderes als falsche Begriffe oder auch Vorurteile sind, die aus Unverständnis und mangelndem Wissen benutzt werden, um einen hochsensiblen Menschen wie unsere Seminarteilnehmerin zu beschreiben. Hier geht es aber auch den meisten hochsensiblen Personen nicht anders, die sich dieser Begriffe annehmen und glauben, sie wären unnormal und müssten sich unbedingt ändern, weil jeder das von ihnen verlangt. Wäre es nicht schön, wenn ein „Umdenken“ auf beiden Seiten stattfindet, ein Verstehen und Respektieren des jeweils anderen und wir somit alle die Möglichkeit erhalten, festzustellen, dass wir einander sehr gut ergänzen und wir uns gegenseitig brauchen – in unserer individuellen Eigenart, dass die Natur uns alle nicht zufällig sondern zweckdienlich geschaffen hat, wie wir nun einmal sind?
Karina Pudenz | |
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